Quo Vadis Gemeinschaftsschule Kraichtal?

Diese bange Frage stand bis letzten Mittwoch drohend über der seit 2 Jahren in Kraichtal bestehenden neuen Schulart. Jetzt, eine Woche danach, kann erleichtert aufgeatmet werden. Nur wenige hätten es wohl verstanden, wenn das gut angenommene Schulprojekt in Münzesheim kurzerhand abgesagt worden wäre.
Es ging in der letzten Sitzung des Gemeinderats vor der Sommerpause um die Freigabe der Entwurfsplanung und um den eigentlichen Baubeschluss
für den Neubau der Gemeinschaftsschule (GMS) Kraichtal, der mit derzeit veranschlagten 15 Mio Bausumme – erwartbare Fördermittel nicht eingerechnet – dem gesamtem Gremium aus eben diesem Grund nicht ganz leicht gefallen ist.
Die Besucherplätze waren alle, wie selten, dicht belegt. Nicht nur die hohen Tagestemperaturen machten den Saal direkt unter dem Rathausdach zu einem gesundheitlichen Risiko-Ort, auch die Anspannung der beteiligten Menschen trug zur erhöhten Transpiration bei.
Vor Beginn der Sitzung war ja noch nicht ausgemacht, wie die entscheidende Abstimmung später ausfallen würde. Die Spannung war beinahe mit Händen zu greifen. Die in sehr großer Anzahl erschienenen Eltern von aktuellen GMS-Schüler*innen waren ein Indiz dafür. Auch die zusätzlich geladenen Gäste, wie die beiden Schulleiter Fuchs und Moch, die Leitende Schulamtsdirektorin, Frau Groß, und die Geschäftsleitung des Ingenieurbüros Asböck aus München zeugten von der Relevanz der Entscheidung.
Eine zweistellige Anzahl von Müttern gab uneingeschränkt lobende Statements für die Gemeinschaftsschule ab, in der ihre Kinder mit Freude
und Erfolg ihre Schulzeit absolvieren, ja sogar trotz Ganztagsbetrieb auch noch Vereinstätigkeiten ausüben können. Alle Äußerungen wurden jeweils
mit lautem Beifall durch die Eltern begleitet. Schulleiter Mattias Fuchs zeigte in seiner Präsentation die neue, individuelle Arbeitsweise einer GMS auf, auch, was sie zu leisten vermag und zu welchen Abschlüssen sie befähigt. Die Münchener Ingenieure Asböck – sie hatten den internationalen Planungswettbewerb im letzten Jahr gewonnen – erläuterten noch einmal die Entwürfe und Kostenplanungen für den Neubau. Die in Rede stehende Investitionssumme von etwa 15 Mio. €, soll nach dem Finanzierungsvorschlag der Verwaltung so bewältigt werden: Bei erwarteten Zuschüssen von ca. 5 Millionen € verblieben demnach voraussichtlich 10 Mio. € bei der Stadt, die noch gedeckt werden müssten. Diese Deckung soll teilweise durch eine Rücklagenentnahme von etwa 3 Mio. € geschehen. Es verblieben nach dieser Rechnung noch 7 Mio. €, die durch Kreditaufnahme fremdfinanziert werden müssten. Dafür wären dann Tilgungsleistungen von etwa 252.000 € Pro Jahr von der Stadt zu erbringen. Nach der vorgelegten Finanzierungsplanung wären nach 30 Jahren die Zahlungsverpflichtungen für die Stadt Kraichtal erledigt.
Die Stellungnahmen der Fraktionen folgten. Für die Fraktion der Grünen
nahm Herbert Fürstenberger zuerst Stellung. Er erinnerte an die unglücklichen Entscheidungen früherer Jahre, in denen praktisch eine mögliche Realschule durch unselige Stadtteil-Rivalitäten „verspielt“ wurde. Heute ginge es deshalb darum, dass die Stadt der neuen GMS eine Heimstatt bereite, weil diese Schulart den gewünschten, vollwertigen Abschluss einer Mittleren Reife anbiete. Aber nicht nur diese Tatsache fordere zum Handeln, sondern  viel mehr noch das drohende Unheil, dass die 15 -Tsd.-Einwohnerstadt im Versagensfall künftig nur noch 6 Grundschulen aufweisen würde, und sämtliche Kinder ab Klasse 5 außerhalb ihrer Stadt beschult werden müssten. Fürstenberger sprach in diesem Zusammenhang von einem drohenden Niedergang der vor über 40 Jahren einst so hoffnungsvoll gestarteten Schulstadt Kraichtal. Deshalb müsse die zwar finanziell sehr schmerzliche und bestimmt noch lange auf künftige Vorhaben einwirkende Entscheidung an diesem Abend für die Kinder und Kindeskinder getroffen werden. Gunter Wössner sprach als Folge-Redner für die SPD-Fraktion. Auch hier ein klares Bekenntnis zum Bau der Gemeinschaftsschule. Er mahnte endlich Verlässlichkeit für die betroffenen Eltern, Schüler und Lehrer an. Verlässlichkeit für eine Schule die gut angenommen  und von den jeweiligen Betroffenen äußerst geschätzt werde. Wössner bezog sich u.a. auf die anwesenden, unterstützenden Eltern, denen eine Entscheidung gegen ihre Kinder und gegen die Schule nicht vermittelbar sei. Auch die Bedeutung für die Attraktivität der Stadt Kraichtal mit einer derartigen Schule hob er hervor. Peter Buchart von den Freien Wählern beschäftigte in seiner Rede die enorme Investitionssumme, die für die Kommune fast nicht aufzubringen und mit hohen Risiken verbunden sei. Wenn der Beschluss pro GMS komme, dann erwarte er aber auch die ernsthafte Bereitschaft der Verwaltung und der Fraktionen, bei künftigen Maßnahmen und Anschaffungen, auch mal mehr den Sparsinn walten zu lassen. Zögerlicher Beifall am Ende seiner Stellungnahme, weil sie noch keine eindeutige Positionierung der Fraktion erkennen ließ.
Die CDU-Fraktion beantragte zu diesem Zeitpunkt eine Beratungspause. Von ihr als stärkster Fraktion war im Vorfeld der Sitzung kolportiert worden, dass sie den Beschluss für den Bau der Schule kippen wolle. Die Spannung bei den Sitzungsteilnehmern stieg erneut an, war bei dem schwül-heißen Klima kaum noch auszuhalten. Nach der Beratung gab Alfred Richter schließlich für seine Kolleg*innen die Stellungnahme seiner CDU-Fraktion ab. Er zweifelte die Rechtmäßigkeit der Finanzierungsplanung an, sprach von der übergroßen Schuldverpflichtung, die Kraichtal mit dieser Schule eingehe und drückte die Ablehnung des Beschlusses seitens seiner Fraktionskolleg*innen aus.
Direkter Übergang zur Abstimmung des Tagesordnungspunkts  „Baubeschluss Gemeinschaftsschule“.  15 Ratshände erhoben sich für den Baubeschluss, 9 stimmten gegen ihn. Bei 2 Enthaltungen war der Beschluss letztlich durch. Kraichtal erhält somit eine neue Gemeinschaftsschule.
Diese Botschaft löste in der Versammlung lauten, lang anhaltenden Beifall aus. Viele Mütter fielen sich in die Arme. Kraichtal hatte an diesem Abend den Schritt zu einer enkeltauglichen Stadt getan.

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