Visionen?

Bei seiner jüngsten Sitzung hat sich der Kraichtaler Gemeinderat mit dem Vorschlag der Verwaltung für eine Priorisierungsliste verschiedener Bauvorhaben befasst. Da es von jeder Fraktion zu dem Vorschlag Änderungsanträge gab, die weitere Beratungen erforderlich machen, wurde die Abstimmung zu TOP 4 vertagt.

Die Priorisierungsliste muss nun überarbeitet werden, und die Stadtverwaltung muss dazu die Zeit bekommen, die sie braucht. Dies wird zu Lasten der Bearbeitung von Anliegen der Wirtschaftsförderung gehen.

Bei den Anträgen und Diskussionsbeiträgen am Sitzungsabend wurden weit auseinander liegende Wünsche und Meinungen vorgebracht.

So konnte man einerseits den Eindruck gewinnen, dass es in Kraichtal in jedem Stadtteil Dutzende junger Familien gibt, die am liebsten gleich morgen ein neues Einfamilienhaus in einem neu geschaffenen Baugebiet errichten wollen. Deshalb seien beschleunigte Verfahren erforderlich. Konkrete Verfahren laufen zurzeit für Menzingen „Beim Friedhof“ und Neuenbürg „Lerchenberg 3. Bauabschnitt“.

Andererseits gibt es in allen Stadtteilen Leerstände und Baulücken. Der GRÜNE Standpunkt ist, als Nächstes endlich die Entwicklung dieses Potentials anzugehen, um die älteren Ortsbereiche zu stärken und zu beleben. Auch Bundes- und Landesvorgaben zielen auf die Verringerung des Flächenverbrauchs ab.

Auch die Forderung nach dem Ausbau der Gewerbegebiete Münzesheim-Ost und Gochsheim wurde mehrfach vorgetragen. Als Einführung in den TOP 4 hatte die Sachgebietsleiterin Planung und Umwelt anhand einer Präsentation erläutert, dass eine Erweiterung der Gebiete davon abhängt, welches Ergebnis eine Machbarkeitsstudie für eine Straßenanbindung bringt. Eine solche Studie aus dem Jahr 2018 wird derzeit aktualisiert; das Ergebnis wird auch danach zu bewerten sein, welche Auswirkungen die Anbindung auf andere Stadtteile und die angespannte Verkehrssituation insgesamt hat.

Interessant war am Sitzungsabend zudem, dass aus den Reihen der CDU Visionen von der Verwaltungsspitze gefordert wurden, wie Kraichtal attraktiver gemacht werden kann.

Dass man nun nach Visionen ruft, ist schon verwunderlich

Kraichtal hätte die Chance gehabt, ab diesem Herbst in Kooperation mit Städtebau-Studenten der Karlsruher Universität (KIT) tragfähige Zukunftsvisionen zu entwerfen. Der entsprechende Antrag von BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN fand vor wenigen Wochen jedoch keine Ratsmehrheit (siehe hierzu Kraichtal dreht sich weiter im Kreis).

Als Begründung wurde vorgebracht, dass es in Kraichtal genügend Ideen gäbe und wir deshalb auf Ratschläge von außen verzichten können; außerdem sei der Kostenrahmen in Höhe von ca. 8.000 € momentan nicht finanzierbar.

Ein Mitglied der Freien Wähler stellte fest: „Was wir in Kraichtal haben, sind Flächen“. In der Folge gingen er und seine Kollegen darauf ein, was alles ge- und bebaut werden muss, und zwar möglichst schnell.

Wo bleibt die Lebensqualität hier in der „Badischen Toskana“?

Wenn noch mehr Flächen zugepflastert, zubetoniert und versiegelt sind? Sind dauerhaft gesunde Böden und sauberes Trinkwasser dann noch realistisch? Betrifft uns die Klimakrise etwa nicht?

GRÜNE Visionen

Wir wollen die Stärken jedes Stadtteils herausarbeiten und seine Potentiale ausschöpfen, dabei umsichtig und Ressourcen schonend vorgehen, um Kraichtal als Ganzes krisenfest zu machen  (näheres dazu hier: Kraichtopia – Visionen für Kraichtal).

Unsere Stadt ist jetzt Fairtrade-Town. Das ist ein guter Anfang.

Das Siegel wurde unter anderem deshalb verliehen, weil die vier Supermärkte in Kraichtal ein überschaubares Sortiment an Fairtrade-Produkten im Angebot haben. Fairtrade und Bio sollten zum Standard werden. Nehmen wir uns als nächstes Ziel doch vor, Transition Town zu sein, eine Stadt im Wandel.

Was das bedeutet? Wir können nicht weitermachen wie bisher, die Grenzen und negativen Folgen unserer jetzigen Lebensweise sind deutlich spürbar. Stichwörter für den Wandel sind z. B. Gemeinwohlökonomie, Nahrungsmittel- und Energieautonomie. Einen guten Eindruck davon gibt der Film „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“ (Trailer) mit motivierenden Praxisbeispielen aus aller Welt. 

Auch der Begriff „bedarfsgerecht“ fiel am Sitzungsabend häufig.

Bedarf kann man in der heutigen Zeit nicht mehr nur über die Menge definieren. Der Maßstab für die Zukunft muss sein, dass alle Entscheidungen, die heute auf kommunaler Ebene gefällt werden, einen Beitrag zu mehr Klimaschutz und -gerechtigkeit leisten.

Wir müssen uns auf das besinnen, was wir wirklich brauchen. Eine wichtige Zutat haben wir, und die sollten wir uns tunlichst erhalten: Eine Landschaft zum Durchatmen.

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